Mit der Expansion setzt Vice Golf neben Golfbällen zunehmend auf eigene Schläger. Marco Burger ist als Chief Product Officer bei Vice für die Produktentwicklung zuständig, Alex Campbell ist Senior Product Developer. Im Interview spricht Golf Post mit ihnen über die Markenidentität von Vice, den internationalen Wettbewerb mit etablierten Herstellern und Vice' Position in den USA.
Vice Golf: "Immer mehr Menschen erkennen, dass wir anders sind"
Golf Post: Wie würdet ihr die Marken-DNA von Vice beschreiben, und wie integriert ihr diese in die neuen Produkte?
Alex: Unser oberstes Ziel bei Vice ist, die beste Qualität zu einem besseren Preis anzubieten. Und außerdem denke ich, dass wir eine Alternative zu dem bieten, was man auf dem Markt bekommen kann. Am Ballsortiment kann man das gut sehen: Mit Farben, Drip, Schattierungen und limitierten Editionen gehen wir bewusst neue Wege. Wir versuchen immer, dem Golfmarkt eine spannende zweite Option zu bieten.
Wenn wir etwas Neues machen, fragen wir uns immer: „Diese Produkte gibt es bereits auf dem Markt, aber wie können wir sie ein bisschen cooler und interessanter machen?" Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Individualisierung, die unsere Kunden auch an unseren Bällen besonders schätzen. Die gleiche Formel, mit der das Unternehmen bei den Bällen so gut gewachsen ist, versuchen wir auch bei den Schlägern anzuwenden.
Golf Post: Ihr konkurriert jetzt mit den etablierten Marken, die womöglich auch mehr Erfahrung auf dem Markt haben. Musstet ihr Kompromisse beim Material eingehen, um die Schläger zu so einem niedrigen Preis anbieten zu können?
Alex: Mit dem B2C-Vertrieb, also den Direktverkauf an den Verbraucher, können wir den Zwischenhändler umgehen. Das ermöglicht es uns, die Preise zu senken, ohne Kompromisse bei der Materialqualität einzugehen. Dasselbe gilt für die Schläger, auch wenn Vice hier etwas stärker in den Einzelhandel vordringt.
Marco: Einerseits haben wir natürlich keine so große Forschungs- und Entwicklungsabteilung wie TaylorMade, und das werden wir auch nie haben. Aber wir haben den großen Vorteil, dass wir viel mehr Daten von Amateurgolfern haben. Weltweit gibt es wohl niemanden auf dem Markt, der so viele Fitting-Informationen über die durchschnittlichen Golferinnen und Golfer hat wie wir, insbesondere durch die Fusion mit HIO. Wir kennen unsere Zielgruppe genau und können gezielt Produkte entwickeln, die das Golfspiel einfacher machen. Natürlich müssen wir auch mit Nachteilen umgehen, etwa, dass wir kein Forschungs- und Entwicklungsteam von 20 oder 30 Leuten haben. Aber manchmal können wir dadurch schneller reagieren und Innovationen bringen, die sich von dem unterscheiden, was man gewohnt ist, und genau das erwarten die Leute von Vice.
Für uns ist es ein Vorteil, dass wir Dinge anders machen können. Wir haben eine Menge Daten im Hintergrund und müssen keine Abstriche bei der Materialqualität machen. Wir haben in den letzten 10 bis 15 Jahren viel Zeit damit verbracht, die perfekten Produktionspartner zu finden, um hochwertige Schläger in kleineren Mengen zu fairen Preisen herzustellen.
Wie Alex erwähnt hat, sind wir mit dem Direktvertrieb gestartet. Mittlerweile bieten wir unsere Produkte aber auch zu wettbewerbsfähigen Margen über den Einzelhandel an. Die Nachfrage nach Vice-Produkten wächst stetig, weil immer mehr Menschen erkennen, dass wir anders sind.
Golf Post: Verfügen andere Hersteller auch über eine Menge Daten, oder arbeiten sie auf dieselbe Weise?
Marco: Ich glaube nicht, dass sie eine Menge Daten haben. Die einzigen Möglichkeiten, an Daten zu kommen, sind die Fitting-Studios. Es gibt keine Amateurspieler, die in das Headquarter in Kalifornien kommen und sagen: „Ich mache 3000 Schläge und ihr könnt messen, was ihr wollt.“ So etwas passiert nur in Geschäften oder Fitting-Studios. Und mir ist kein Geschäft oder Fitting-Studio weltweit bekannt, das wirklich alle generierten Daten in eine Cloud hochlädt und sie anschließend analysiert. Meines Wissens nach macht das aktuell niemand.
Wenn man sich die großen OEMs (Anm. d. Redaktion: Original Equipment Manufacturer) anschaut, setzen sie stark auf Tourspieler – sowohl in der Entwicklung als auch im Marketing. Das erste Feedback zu neuen Schlägern kommt oft von Tourspielern. Doch genau hier wollen wir uns abheben, weil wir keine Schläger für Tourspieler entwickeln. Und das möchten wir auch normalen Golferinnen und Golfern vermitteln: Es macht keinen Sinn, denselben Driver zu spielen wie Rory McIlroy. Er hat einen völlig anderen Schwungstil, also braucht er auch einen anderen Schläger.
Golf Post: Ihr wart ja vor kurzem auf der PGA-Show in Orlando, und möchtet international mit Vice expandieren. Verschieben sich dann eure Prioritäten bezüglich eurer Zielmärkte? Ist der deutsche Markt auf lange Sicht noch relevant?
Marco: Deutschland macht nur ein Prozent des weltweiten Golfmarktes aus, es ist also nicht sehr relevant für die Golfwelt. Europa macht etwa 5 Prozent aus. Der weitaus wichtigere Teil der Welt, wenn es um den Verkauf von Golfschlägern oder -bällen geht, sind natürlich die USA, und auch bei uns entfallen mehr als 80 Prozent unseres Geschäfts auf die USA. Wir sind in Deutschland ansässig und entwickeln in Deutschland, wir produzieren in Deutschland, und wir bauen Schläger in Deutschland zusammen. Jeder Schläger wird in Deutschland in einer zweiten Werkstatt beim Fitting professionell handgefertigt. Das ist sehr einzigartig, dass wir nicht alle Schläger in Asien oder einer Fabrik montieren.
Aber Deutschland ist nicht wirklich ein Schwerpunkt. Natürlich ist es unser Ursprung und wir möchten auch auf dem europäischen Markt wachsen. Und es ist wirklich cool, auch von dort Interesse zu sehen, aber das relevante Geschäft für uns sind die USA, und wir wollen auch mehr in die asiatischen Länder gehen und dort Partner aufbauen. Beispielsweise in Japan und Korea und auch in anderen asiatischen Ländern, in denen der Golfsport wächst und in Zukunft eine wichtige Rolle spielen könnte. Unser Hauptgeschäft liegt in den USA. In den USA führen etwa 11.000 Geschäfte unsere Produkte. Ich denke also, es ist definitiv eher ein amerikanisches Unternehmen als ein europäisches.
Alex: Als wir in Orlando waren, war eine der häufigsten Reaktionen, die wir bekamen, dass die Leute dachten, wir seien ein US-amerikanisches Unternehmen. Die Leute sind überrascht, wenn sie erfahren, dass Vice in München sitzt.
Golf Post: Vielleicht liegt das auch am frischen und modernen Konzept? Ich denke, dass das in den USA Anklang findet, weil Golf dort jünger ist als in Deutschland?
Marco: Ja, ich glaube, das hat sich ein bisschen verändert. Vice wächst mit der Zeit und wir bekommen immer mehr Kunden aus der älteren Altersgruppe.
Im Durchschnitt sind unsere Kunden 30 Jahre alt, aber unsere Zielgruppe ist zwischen 15 und 70 Jahren alt. Also mehr oder weniger die komplette Range, und jetzt kommen auch Kinderprodukte dazu. Wir versuchen also auch, schon sehr junge Golferinnen und Golfer auf uns aufmerksam zu machen, mehr Fans zu gewinnen, die dann hoffentlich in der Vice-Familie bleiben. Ich denke, ja, Vice will auf jeden Fall ein bisschen frischer, junger, moderner sein, aber mit unseren Produkten hat man immer die Wahl. So kann auch der sehr traditionelle, 60 Jahre alte Typ ein Produkt von uns bekommen. Ich denke also, dass man als Kunde die Wahl hat, ob man verrückt oder, sagen wir, „langweilig“ sein will.
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Golf Post: Was sind eure langfristigen Ziele bei Vice?
Marco: Das langfristige Ziel ist immer noch unser Slogan: Spitzenleistung zum halben Preis und erschwingliche Golfprodukte für jeden. Und wir meinen jeden. Es wird immer wichtiger, da es mehr "Jedermanns" auf dem Golfplatz gibt als beispielsweise Scratch-Golferinnen und Golfer. Für sie wollen wir Golf spaßiger machen. Also hoffentlich bei den Golfschlägern wachsen, damit eines Tages Schläger genauso relevant wie Golfbälle sind.
Das Interview führte Rose Hörsting.